Will man die dem Deutschen teilweise sehr subtil erscheinenden Differenzierungen des Französischen verstehen, dann macht es vielleicht Sinn, über die Leistungsfähigkeit des deutschen Imperfektes nachzudenken, weil das Französische genau an dieser Stelle schärfer differenziert. Schauen wir uns einmal diese zwei Sätze an.

Beispiel
a) Er trank ein Bier, rauchte ein Zigarette und las eine Zeitung.
b) Er kam, sah und stiftete Ärger.

Wir haben beide Male das Imperfekt, die beschriebenen Handlungen unterscheiden sich aber fundamental. Unser Vorverständnis des Alltags lässt uns a) so verstehen, dass er ein Bier trank, gleichzeitig eine Zigarette rauchte und gleichzeitig eine Zeitung las. Beim zweiten Satz wissen wir, dass Julius Cäsar irgendwo hingegangen ist, wo er nichts verloren hatte, sich danach umgeschaut hat und danach jenes berühmte halbstarke Gebaren an den Tag legte. Das Imperfekt drückt also sowohl die Gleichzeitigkeit von Handlungen aus, wie auch die Aufeinanderfolge von Handlungen. Das Französische und die anderen romanischen Sprachen verwenden das imparfait, wenn die Simultanität von Handlungen ausgedrückt werden soll und das passé composé oder das passé simple, wenn ausgedrückt werden soll, dass die Handlungen aufeinander folgten. Es ist im Französischen also möglich, allein durch die Wahl einer entsprechenden Zeit eine Handlung in eine andere einzubetten, was im Deutschen nicht möglich ist und durch Konjunktionen oder adverbiale Bestimmungen geschehen muss.

Normalerweise ist das nie ein Problem, weil unsere Alltagserfahrung uns darüber informiert, was gemeint ist. Wir können aber auch Sätze konstruieren, die unklar sind.

Beispiel
Er trank ein Bier, aß eine Suppe, zahlte und ging.

In diesem Fall ist es unklar, ob er er zuerst ein Bier getrunken und dann eine Suppe gegessen hat, oder ob er beides gleichzeitig tat. Unser Verständnis des Alltags sagt uns lediglich, dass er am Schluss zahlte und ging. Man kann zuerst ein Bier trinken und dann eine Suppe essen, man kann dies aber auch gleichzeitig tun. Im Französischen würde man durch die geeignete Zeit die Verhältnisse klären. Wir werden an späterer Stelle darauf zurück kommen, weisen aber nochmal darauf hin, dass es sich nicht um eine philologische Spitzfindigkeit handelt. Diese Unterscheidung macht das pralle, volle Leben. Auf die anderen Unterschiede werden wir an später eingehen und dann auch die Unterschiede deutlicher herausarbeiten. Wir werden uns jetzt erstmal etwas ganz Einfachem widmen, nämlich dem schlichten Präsens, das im Deutschen und Französischen weitgehend gleich verwendet wird. Wenn wir das Präsens der Verben bilden können, können wir auch einfache Sätze bilden, und das ist ja dann schon mal was.