Wie bereits eingangs erwähnt, ist es oft so, dass das Deutsche zwischen Imperfekt (ich las) und Perfekt (ich habe gelesen) weitgehend indifferent ist.

Indifferenz zwischen Imperfekt und Perfekt
Ich bin immer mit dem Fahrrad in die Schule gefahren.
Ich fuhr immer mit dem Fahrrad in die Schule.
Damals hat er viel gelesen.
Damals las er viel.

Allerdings ist dem nicht immer so. Man kann auch Sätze konstruieren, wo auch der Deutsche der einen Zeit vor der anderen den Vorzug geben würde, wenn auch diese Präferenz eher eine Frage des guten / schlechten Stils ist und selten ein knallharter Fehler.

das Perfekt wird dem Imperfekt vorgezogen
besser: Du hast gerade eben das ganze Geld ausgegeben ? Du bist ein ziemliches Rindvieh! eher nicht: Du gabst gerade eben das ganze Geld aus? Du bist ein ziemliches Rindvieh!
Grund: Auf die Auswirkung der Handlung für die Gegenwart kommt es entscheidend an.
besser: Es ist jetzt 12.30 Uhr, und er hat immer noch nicht angerufen.
eher nicht: Es ist jetzt 12.30 Uhr, und er rief immer noch nicht an.
Grund: Es kommt entscheidend darauf an, dass die Handlung, die in der Vergangenheit eingesetzt hat, in der Gegenwart andauert.
besser: Es hat geschneit, nun ist alles weiß.
eher nicht: Es schneite, nun ist alles weiß.
Grund: Der zweite Satz steht im Präsens, die Verbindung zu der Handlung in der Vergangenheit ist also sehr eng.

Das beste Beispiel ist wohl dieses, weil hier die Unterschiede zwischen Imperfekt und Perfekt sogar semantisch (die Bedeutung betreffend) spürbar sind.

Beispiele
a) Ich verlor meinen Geldbeutel.
b) Ich habe meinen Geldbeutel verloren.
c) Ich hatte meinen Geldbeutel verloren.

Bei a) ist der Geldbeutel entweder wieder aufgetaucht, oder es ist dem Sprecher inzwischen egal,

bei b) ist der Geldbeutel definitiv weg und

bei c) ist er wieder aufgetaucht.

das Imperfekt wird dem Perfekt vorgezogen
besser: Als ich ihn zum letzten Mal sah, arbeitete er in Stuttgart.
eher nicht: Als ich ihn zum letzten Mal sah, hat er in Stuttgart gearbeitet.
Grund: Die Handlung ist nicht perfekt, sie ist sozusagen imperfekt, man weiß nicht, ob er jetzt vielleicht immer noch in Stuttgart arbeitet.
besser: Er kam die Straße herunter, sah ihn und wechselte auf die andere Straßenseite.
eher nicht: Er ist die Straße herunter gekommen, hat ihn gesehen und hat auf die andere Straßenseite gewechselt.
Grund: Aufeinanderfolgende Ereignisse werden im Deutschen im Imperfekt geschildert.
das Plusquamperfekt wird dem Imperfekt vorgezogen
besser: Nachdem er gestorben war, stellte man fest, dass er kein Testament hinterlassen hatte.
eher nicht: Nachdem er starb, stellte man fest, dass er kein Testament hinterlassen hatte.
Grund: Die Vorzeitigkeit muss zwingend zum Ausdruck gebracht werden, da die eine Handlung eine logische Konsequenz der anderen ist. Nicht die bloße Nachzeitigkeit steht im Vordergrund, diese könnte auch mit dem Imperfekt ausgedrückt werden, sondern die logische Konsequenz.
das Imperfekt wird dem Plusquamperfekt vorgezogen
besser: Er schaute sie an, und sie lächelte, und dieses Lächeln konnte er nie mehr vergessen.
eher nicht: Er hatte sie angeschaut, und sie lächelte, und dieses Lächeln konnte er nie mehr vergessen.
Grund: Die eine Handlung folgt lediglich auf die andere, nicht die logische Konsequenz ist das entscheidende, sondern die Aufeinanderfolge der Handlungen.
Plusquamperfekt wird dem Perfekt vorgezogen
Das Plusquamperfekt ist die semantisch stärkste Zeit im Deutschen, das heißt, das Plusquampefekt hat eine Bedeutung, es drückt ohne weiteres Vorzeitigkeit aus.
besser: Sie hatten sich verfahren, so dass sie zu spät kamen.
eher nicht: Sie haben sich verfahren, so dass sie zu spät kamen.
Grund: Es gibt einen kausalen Zusammenhang zwischen diesen beiden Sätzen, der zweite Teil ist die logische Konsequenz des ersten, aus logischen Gründen kommt es auf die Vorzeitigkeit wesentlich an. Nicht das Aufeinanderfolgen der Handlungen ist entscheidend, sondern die logische Bedingtheit. Das Imperfekt und das Perfekt besitzen diese semantische Stärke nicht.
Perfekt wird dem Plusquamperfekt vorgezogen
besser: Es hat geschneit, nun ist alles weiß.
eher nicht: Es hatte geschneit, nun ist alles weiß.
Grund: Der Plusquamperfekt ist semantisch sehr stark. Er drückt ein Ereignis in der Vergangenheit aus, dass ein anderes Ereignis in der Vergangenheit logisch bedingt hat. Die oben beschriebene Handlung ist aber vorzeitig zur Gegenwart.