Will man es kurz und knapp haben, sieht es so aus. Das Deutsche will und kann die Zeitenfolge weder in der indirekten Rede noch bei Verben der mentalen Durchdringung ausdrücken, das Deutsche versucht, mit mäßigem Erfolg, Distanziertheit auszudrücken. Bei den romanischen Sprachen, also auch im Französischen, ist die Abfolge der Ereignisse sowohl bei der indirekten Rede wie auch bei Verben der mentalen Durchdringung korrekt wiederzugeben. Es ist eindeutig zu klären, ob sich ein Ereignis vor, gleichzeitig oder nach der mentalen Durchdringung / Berichterstattung ereignet hat. Das System der romanischen Sprachen ist hierbei stabil, alle, die eine romanische Sprache als Muttersprache haben, werden in einer bestimmten Situation das gleiche, für diese Situation passende, Muster verwenden. Eine Abweichen von diesem Muster ist grammatikalisch falsch.

Im folgenden nun ein eher philosophischer Essay das Deutsche betreffend. Man kann niemandem wirklich empfehlen, diesen zu lesen. Er richtet sich ausschließlich an diejenigen, die sich für solche Zusammenhänge interessieren. Man kann das ohne weiteres überspringen.

Philosophischer Essay => Anfang

In Standardgrammatiken finden wir die Regel, dass in der indirekten Rede der Konjunktiv zu verwenden ist. Auf das dann anzuwendende Regelwerk haben wir hingewiesen. Tatsächlich gibt es hiermit aber zwei Probleme. Zum einen scheint überhaupt niemand so richtig einzusehen, warum man den Konjunktiv in der indirekten Rede überhaupt verwenden soll. Das Ziel, über den Konjunktiv Distanziertheit auszudrücken, wurde kaum erreicht. Zum anderen ist das Regelwerk so kompliziert, dass es faktisch niemand beherrscht. Das führt dann dazu, dass auch in der indirekten Rede zunehmend der Indikativ verwendet wird. Ein sinnvolles Ziel wäre es gewesen, die Vorzeitigkeit , Gleichzeitigkeit oder Nachzeitigkeit auszudrücken. Das hätte man, die romanischen Sprachen tun das ja, auch mit dem Indikativ erreichen können, wenn dieser denn widerspruchsfrei vorläge, was er im Deutschen nicht tut. Also völlig unabhängig von der Frage, ob das Deutsche die Vorzeitigkeit, Gleichzeitigkeit oder Nachzeitigkeit jemals ausdrücken wollte (es wollte dies wohl gar nicht), ist es mit dem vorhandenen morphologischen Material auch gar nicht zu leisten. Würde man zum Beispiel sagen, dass der Konjunktiv II die Vorzeitigkeit ausdrückt, würde dies voraussetzen, dass er nicht lediglich ein Substitut für einen zweideutigen Konjunktiv I ist. Genau dies ist aber der Fall. Der Konjunktiv II kann auch lediglich ein Substitut für einen zweideutigen Konjunktiv I sein. Innerhalb desselben Systems kann aber dieselbe Form nicht zwei Funktionen haben, der Konjunktiv II kann nicht gleichzeitig einen zweideutigen Konjunktiv I ersetzen und gleichzeitig Vorzeitigkeit ausdrücken (man wüsste dann ja nie, ob er lediglich verwendet wird, weil der Konjunktiv I zweideutig ist, oder ob er Vorzeitigkeit ausdrückt). Das Deutsche hat sich also in eine Sackgasse manövriert. Es wollte mit der Verwendung des Konjunktivs I in der indirekten Rede Distanziertheit ausdrücken, das ist kaum gelungen (und auch keine sinnvolle Zielstellung) , führte aber aufgrund des morphologischen Chaos zu einem äußerst komplizierten Regelwerk. Das andere Ziel, Vorzeitigkeit, Gleichzeitigkeit und Nachzeitigkeit auszudrücken, kann mit dem Konjunktiv nicht realisiert werden, da innerhalb des gleichen Systems eine bestimmte Form nur eine einzige Funktion erfüllen kann, aber nicht zwei Funktionen gleichzeitig. Das eigentliche Ziel, die Distanziertheit auszudrücken, tritt zunehmend in den Hintergrund, der Konjunktiv wird im Sprachgebrauch zunehmend durch den Indikativ ersetzt. Es bleibt abzuwarten, ob sich das Deutsche in den nächsten 50 Jahren weiter entwickeln wird, das heißt auf das System der romanischen Sprache einschwenkt, ob es also in Zukunft heißen wird.

vorzeitig (Plusquamperfekt): Er sagte, dass er sich Schuhe gekauft hatte.

gleichzeitig (Imperfekt): Er sagte, dass er sich Schuhe kaufte.

nachzeitig (Konditional): Er sagte, dass er sich Schuhe kaufen würde.

Dieses Schema wäre mit dem vorliegenden morphologischen Material umsetzbar und entspricht dem System der romanischen Sprachen. Es würde in der indirekten Rede den Indikativ verwenden und nicht mehr den Konjunktiv. Das ohnehin nie erreichte Ziel mittels des Konjunktivs Distanziertheit auszudrücken würde aufgegeben, dafür wäre aber die andere, sinnvollere Zielstellung, nämlich die chronologische Abfolge der Ereignisse abzubilden, realisiert.

m Hinblick auf die Verben der mentalen Durchdringung (denken, fürchten, glauben, wissen) kommt es nun im Deutschen wirklich ganz dick, eine Logik ist kaum erkennbar. Bei vielen Verben steht der Konjunktiv II in der Vergangenheit, nicht aber der Konjunktiv I in der Gegenwart.

Ich fürchte, dass er kommt.

nicht: Ich fürchte, dass er komme.

aber:

Ich fürchtete, dass er käme.

nicht: Ich fürchtete, dass er kam.

Es wäre eigentlich logisch, in der Gegenwart auf das System der romanischen Sprachen einzuschwenken und dort ebenfalls den Konjunktiv zu verwenden, den Konjunktiv I eben.

Ich fürchte, dass er komme.

Dies ist aber nicht der Fall. Das System der romanischen Sprachen ist schlüssiger, manche Verben ziehen den subjonctif nach sich, den subjonctif présent in der Gegenwart, den subjonctif imparfait in der Vergangenheit. Das ist ein in sich schlüssiges System. Im Deutschen haben wir ein völlig chaotisches System.

Ich wußte, dass er kommt.

aber: Ich glaubte, dass er käme.

Man findet in vielen Grammatiken die Behauptung, dass der Konjunktiv II durch die Irrealität motiviert sei. Das ist nonsense.

a) Ich glaubte, dass er käme und tatsächlich kam er dann auch.

b) Ich glaubte, dass er käme, aber er kam nicht.

Bei a) hat sich das Ereignis realisiert, bei b) nicht, aber beide Male ist der Konjunktiv II zwingend. Auch hier ist das System der romanischen Sprachen weit schlüssiger. Streiten kann man sich darüber, welches Verb den nun den subjonctif verlangt und welches nicht, hier gibt es auch Unterschiede innerhalb der romanischen Sprachen. Verlangt aber ein Verb den subjonctif, dann haben wir es mit einem stabilen Regelwerk zu tun. Die Wahrscheinlichkeit, dass hier das Deutsche in den nächsten 50 Jahren auf das romanische System einschwenkt ist allerdings geringer, da das System in seiner Absurdität doch noch relativ stabil ist.

Aus systematischer Sicht stimmiger wäre dies, was dem System der romanischen Sprachen entspricht.

Ich fürchte, dass er komme.

anstatt: Ich fürchte, dass er kommt.

Sätze wie Ich fürchte, dass er kommt sind aber stabil, hier wird wohl niemals der Konjunktiv I einrücken, auch wenn das systematisch gesehen schlüssiger wäre. Nur in der Vergangenheit, wird dem System der romanischen Sprachen gefolgt.

Ich fürchtete, dass er käme.

nicht: Ich fürchtete, dass er kam.

Die romanischen Sprachen sind aufgrund ihrer klareren und eindeutigeren Morphologie auch mit dem Konjunktiv in der Lage, die chronologische Abfolge der Ereignisse auszudrücken, das Deutsche kann das nicht, bzw. die Vorstellung ist nicht wirklich überzeugend.

vorzeitig: Ich fürchtete, dass er gekommen sei.

gleichzeitig: Ich fürchtete, dass er käme.

nachzeitig: Ich fürchtete, dass er kommen würde.

Die Vorzeitigkeit beim Konjunktiv wird in keiner Standardgrammatik des Deutschen erwähnt, wer will und mit ein bisschen Autosuggestion kann aber die Vorzeitigkeit durch den Konjunktiv I der Vergangenheit ausgedrückt sehen. Ein ähnliches stringentes System wie die romanischen Sprachen, ein System also, dass in jeder Situation Vorzeitigkeit / Gleichzeitigkeit / Nachzeitigkeit auszudrücken vermag, könnte aber das Deutsche selbst dann nicht entwickeln, wenn man es per Gesetz verordnen würde, weil das morphologische Material aus den oben erwähnten Gründen zu schwach ist.