Wir hatten bis jetzt die Zeitenfolge bei Verben der mentalen Durchdringung wie denken, annehmen, vermuten etc. diskutiert. Wir wissen aber aus dem Kapitel subjonctif bereits, dass im Französischen Verben oder Redewendungen, die eine emotional gefärbte Erwartungshaltung erkennen lassen, wie fürchten, verlangen, vorziehen, billigen etc. , oder auf die Nichtwirklichkeit verweisen, den subjonctif nach sich ziehen. Wir haben dort auch bereits diskutiert, dass es Verben und Redewendungen gibt, etwa espérer, supposer, croire, wo wir durchaus der Meinung sein könnten, dass sie einer emotional gefärbten Erwartungshaltung Ausdruck verleihen, die Franzosen aber unsere Meinung nicht teilen, diese Verben also den schlichten indicatif nach sich ziehen. Da das Deutsche ja auch nicht gerade vor logischer Stimmigkeit strotzt, haben wir Demut gelernt, akzeptieren die Franzosen, so wie sie sind, weil auch wir so akzeptiert werden wollen, wie wir sind und merken uns ab und an, dass manche Verben, wo wir den subjonctif vermuten könnten, eben ab und an den subjonctif nicht nach sich ziehen. Denken Sie daran, was Adorno gesagt hat: Liebe ist, wenn Sie so sein können, wie Sie sind, ohne dass es ausgenutzt wird. Eine Liste dieser Verben und Redewendungen finden Sie im Kapitel subjonctif .

Allerdings haben wir auch bei Verben wie fürchten, verlangen, vorziehen etc. das gleiche Problem wie oben. Man kann befürchten, dass etwas eingetreten ist, etwas eintritt oder etwas eintreten wird, und man kann auch in der Vergangenheit befürchtet haben, dass etwas eingetreten war (bevor man es befürchtete), etwas eintrat (in dem Moment, in dem man es auch befürchtete) oder aus der Sicht der Vergangenheit eintreten wird.

Man kann beim besten Willen nicht behaupten, dass das Deutsche zur Höchstform aufläuft, wenn es darum geht, die Chronologie der Ereignisse richtig wiederzugeben. Im Deutschen ergibt sich folgendes Bild

Übersicht der Struktur im Deutschen
Referenzpunkt Gegenwart
vorzeitig: Ich befürchte/denke/nehme an, dass er es gemacht hat.
gleichzeitig: Ich befürchte/denke/nehme an, dass er es macht.*
nachzeitig: Ich befürchte, dass er es machen wird.

Referenzpunkt Vergangenheit
vorzeitig: Ich befürchtete/dachte/nahm an, dass er es gemacht hatte.
dass er es gemacht hätte.
gleichzeitig: Ich befürchtete/dachte/nahm an, dass er es machte.**
dass er es machen würde.
nachzeitig: Ich befürchtete/dachte/nahm an, dass er es machen würde.

* Der eventuell nicht erwünschte Verweis auf die Zukunft, kann nicht eliminiert werden.

** Mit dem Imperfekt wäre die Gleichzeitigkeit eigentlich präziser wiedergegeben, allerdings klingt das reichlich schief. Die Konstruktion mit würde wiederum hat den ungewünschten Verweis auf die Zukunft.

Wie wird die Zeitenfolge nun im Französischen realisiert, wenn das Verb / die Redewendung den subjonctif verlangt. Wir haben darüber bereits im Kapitel subjonctif gesprochen. Wir haben dort bereits darüber diskutiert, dass aufgrund des Wegfalls des subjonctif imparfait und des subjonctif plus-que-parfait im gesprochenen Französisch nicht mehr alle Situationen chronologisch präzise abgebildet werden können.

Folglich ist eine Fallunterscheidung zu treffen. Im gepflegten, sehr gepflegten, Französisch laufen die Systeme parallel. Statt des indicatif présent ist das subjonctif présent, statt des indicatif imparfait ist das subjonctif imparfait etc. zu verwenden. Im gesprochenen Französisch und im weniger gepflegten schriftlichen Französisch (aber eigentlich fast immer) lassen sich allerdings nicht mehr alle Konstellationen abbilden, weil ja der subjonctiv imparfait nicht mehr verwendet wird. Es gibt hier also einen erheblichen Unterschied zwischen dem Französischen und den anderen romanischen Sprachen. In den anderen romanischen Sprachen ist das vollständige System auch im subjonctifsubjonctif vorhanden. Bevor wir auf den nächsten zwei Seiten die zwei Systeme, gehobener Stil <=> Standard, vorstellen, nochmal eine kurze Zusammenfassung des bisher Gesagten.

Innerhalb der Verben der mentalen Durchdringung gibt es zwei Typen. Die einen, wie penser (denken), croire (glauben), espérer (hoffen), supposer (annehmen), die in der affirmativen Form (nicht aber in der negativen, ich glaube/ hoffe / etc. nicht!) den indicatif verlangen und Verben wie craindre (fürchten), regretter (bedauern) etc., die den subjonctif verlangen. Im indicatif ist das System vollständig, die chronologische Abfolge kann in jeder Situation präzise wiedergegeben werden. Im subjonctif ist zumindest im heutigen Französisch das System nicht mehr vollständig, weil der subjonctif imparfait praktisch nicht mehr verwendet wird. Verben wie fürchten, wollen, verlangen zu den Verben der mentalen Durchdringung zu zählen, mag manchem ungewöhnlich erscheinen. Man sollte sich aber klar machen, dass bei diesem Typ von Verb, die Wirklichkeit imaginiert wird. Fürchten zum Beispiel, kann man nur etwas, was sich noch nicht ereignet hat. Etwas was sich bereits ereignet hat, kann man nicht fürchten. Alle Verben der mentalen Durchdringung zielen auf eine Nichtwirklichkeit, nur manche davon verlangen eben den subjonctif und andere eben den indicatif.